„Ihr behauptet da, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Vollendete von allen Wesen das Unheilsame fernhielt und sie mit dem Heilsamen versah. Andererseits aber sagt ihr, daß während der Darlegung des Feuergleichnisses sechzig Mönchen das heiße Blut aus dem Munde quoll. Durch diesen Vortrag, o Herr, hielt der Vollendete von den Wesen doch gerade das Heilsame ab und brachte ihnen Unheil. Ist demnach die erste Behauptung richtig, so ist die zweite falsch; ist aber die zweite Behauptung richtig, dann muß die erste falsch sein. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du mir zu lösen hast.“
„Beide Aussagen, o König, treffen zu. Doch geschah es nicht durch eine Handlung des Vollendeten, sondern bloß zufolge der eigenen Taten jener Mönche, daß ihnen das Blut aus dem Munde quoll.“
„Wenn nun aber, ehrwürdiger Nāgasena, der Vollendete nicht diesen Lehrvortrag gehalten hätte, wäre da wohl den Mönchen das heiße Blut aus dem Munde gequollen?“
„Gewiß nicht, o König. Doch wegen ihres schlechten Lebenswandels befiel sie beim Hören des Lehrvortrags ein Fieber im Körper und infolge dieses Fiebers quoll ihnen das heiße Blut aus dem Munde.“
„So geschah es also dennoch, o Herr, infolge der Handlung des Vollendeten, daß ihnen das heiße Blut aus dem Munde quoll, und der Vollendete war eben der Hauptgrund zu ihrem Verderben. Gesetzt, ehrwürdiger Nāgasena, eine Schlange kriecht in einen Termitenhaufen und ein Mann, der nach Lehmerde sucht, zerbricht denselben und nimmt sich den Lehm. Beim Nehmen des Lehmes aber verstopft sich das Loch des Termitenhaufens, und jene Schlange bekommt keine Luft mehr und geht zugrunde. Ist da nicht wohl, o Herr, die Schlange infolge der Handlung dieses Mannes umgekommen?“
„Gewiß, o König.“
„Ebenso aber auch, ehrwürdiger Nāgasena, war der Vollendete der Hauptgrund, daß jene Mönche zu Fall kamen.“
„Der Vollendete, o König, wies die Lehre, ohne irgendwelche Zuneigung oder Abneigung an den Tag zu legen. Frei von Zuneigung und Abneigung legte er die Lehre dar. Diejenigen unter den Hörern dieses Lehrvortrages, die einen guten Lebenswandel geführt hatten, gelangten zur Erkenntnis; diejenigen aber, die einen schlechten gehabt hatten, kamen zu Fall.
Gerade wie etwa, wenn ein Mann einen Mango-, Rosenapfel- oder Honig-Baum schüttelt, die gesunden, festhängenden Früchte noch daran bleiben ohne herabzufallen, während die lose hängenden Früchte, deren Stengel an einem Ende abgefault sind, zu Boden fallen. Oder wie ein Bauer, der Korn säen will, sein Feld pflügt und dabei viele hunderte und tausende von Gräsern umkommen: ebenso auch, o König, legte der Vollendete, während er die geistig reifen Wesen belehrte, frei von Zuneigung und Abneigung die Wahrheit dar, und während seiner Darlegung gelangten die gut Wandelnden zur Erkenntnis, während die schlecht Wandelnden wie die Gräser umkamen. Oder gleichwie, o König, wenn die Menschen zur Gewinnung von Zuckersaft das Zuckerrohr in einer Mühle pressen und die dabei in die Öffnung der Mühle geratenen Insekten zermalmt werden: ebenso auch, o König, drehte der Vollendete, während er die geistig reifen Wesen belehrte, die Wahrheitsmühle, und dabei kamen die schlecht Wandelnden wie die Insekten um.“
„Jene Mönche, ehrwürdiger Nāgasena, sind also doch wohl infolge jenes Lehrvortrages zu Fall gekommen.“
„Kann denn wohl, o König, ein Zimmermann einen Baumstamm gerade und glatt machen, wenn er ihn unangetastet liegen läßt?“
„Nein, o Herr. Dadurch, daß er die schlechten Stellen entfernt, macht er den Baumstamm gerade und glatt.“
„Ebenso auch, o König, kann der Vollendete, wenn er die Menschen unangetastet läßt, die erkenntnisfähigen Wesen nicht belehren. Sondern nur dadurch, daß er diejenigen mit schlechtem Wandel entfernt, kann er die erkenntnisfähigen Wesen zur Erkenntnis führen. Also durch ihre eigene Handlung, o König, kamen jene schlecht Wandelnden zu Falle.
Oder wie, o König, sowohl der Pisang als auch der Bambus als auch der Maulesel infolge ihrer eigenen Frucht zugrunde gehen: ebenso auch, o König, richten sich Menschen schlechten Wandels durch ihre eigenen Taten zugrunde und kommen um.
Oder gleichwie, o König, die Räuber infolge ihrer eigenen Taten sich die Blendung, die Pfählung und die Enthauptung selber zuziehen: ebenso auch, o König, gehen die Übelgesinnten infolge ihrer eigenen Taten zugrunde und fallen ab von der Lehre des Siegers. Daß also den sechzig Mönchen das heiße Blut aus dem Munde quoll, geschah weder infolge einer Handlung des Erhabenen noch infolge der Taten eines anderen, sondern war eben bloß eine Folge ihrer eigenen Taten.
Nimm an, o König, einer verabreichte aller Welt den Unsterblichkeitstrank, und diejenigen, die davon genössen, würden gesund, langlebig und von jedem Siechtum befreit, während einer unter ihnen durch dessen Mißbrauch beim Genusse sich den Tod zuzöge. Würde wohl deshalb, o König, jenen Spender des Unsterblichkeitstrankes irgendwelche Schuld treffen?“
„Gewiß nicht, o Herr.“
„Ebenso auch, o König, spendete der Vollendete den Menschen und Göttern des zehntausendfachen Weltsystems die unsterbliche Gabe der Wahrheit, so daß die Fähigen unter ihnen durch den Unsterblichkeitstrank der Wahrheit zur Erkenntnis gelangten, während die Unfähigen daran zugrunde gingen und erlagen. Die Nahrung, o König, ist zwar dasjenige, was alle Menschen am Leben erhält. Doch kommt es vor, daß einige nach ihrem Genusse an der Ruhr sterben. Trifft aber wohl deshalb den Spender der Speise irgendwelche Schuld?“
„Gewiß nicht, o Herr.“
„Ebenso auch, o König, spendete der Vollendete den Menschen und Göttern des zehntausendfachen Weltsystems die unsterbliche Gabe der Wahrheit, so daß die Fähigen unter ihnen durch den Unsterblichkeitstrank der Wahrheit zur Erkenntnis gelangten, während die Unfähigen daran zugrunde gingen und erlagen.“
„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.“
Kommentar [0]